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Österreich und Amerika im Vergleich (Teil 3)
Mittwoch, 11. August 2010, 11:59 Uhr
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AKTUELLES
ALEX LYNCH: "ABER HIER SEHE UND ERFAHRE ICH VIEL FEHLENDE GLEICHSTELLUNG."
Georg Marsh: Hier bei mir sitzt Alex Lynch und wir unterhalten uns nun über das Thema "Wie ist die Lage in Bezug auf die Mentalität in Amerika und in Österreich".

Wie Sie wissen, ist die Mentalität in Amerika, sowie in den USA anders als bei uns. Denn in den USA gebärden Sie in der Öffentlichkeit vor Leuten mit ASL-DolmetscherInnen, auf der UNI oder frei und offen in der Gesellschaft. Da werden die Menschen aufgrund der ASL nicht so sehr als "Sign Language user" (GebärdensprachbenutzerInnen) angestarrt. Die Menschen sind dank einem Sensibilisierungsverständnis normal und gucken halt kaum auf die "Sign Language users". Seitdem Sie sich bei uns hier in Österreich aufhalten, merken Sie vielleicht einen Unterschied, dass die Menschen Sie aufgrund von zwei Sie begleitenden ASL-DolmetscherInnen in der Öffentlichkeit, oder auf der UNI bei Übersetzungen stark anstarren? Ist Ihnen das stark aufgefallen und erzählen Sie mir bitte von Ihren Erfahrungen?

Alex Lynch: Ja, auf der UNI ist mir dies passiert, aber in der Öffentlichkeit nicht.

Georg: Ist das der gleiche Fall in den USA und hier?
Alex: Nein sicher nicht, in Amerika starren die Leute auch in der Öffentlichkeit.

Georg: Ist das wirklich wahr, dass das bei uns nicht geschehen ist?
Alex: Ja, das ist interessant. Bei einer Busfahrt unterhielt ich mich mit beiden DolmetscherInnen und die Fahrgäste schauten, als wäre es alltäglich. Keiner hat uns angestarrt. Für mich war es einfach erstaunlich; als wäre es so, dass die Menschen hier bereits ein Verständnis den Gehörlosen bzw. der Gebärdensprache gegenüber haben.
In Amerika schauen die Menschen immer wieder zu und dies hat kein Ende.

Georg: Meine Ansicht war, dass es genau umkehrt sei.
Alex: Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass Amerika ein großes Land mit 300 Mio. Einwohnern ist. Hier leben ungefähr 8 Mio. Einwohner.

Georg: Das kann ein Teil eines möglichen Grundes sein. Aber mich hat diese Neuigkeiten, die Sie mir erzählt haben, überrascht.

Die nächste Frage ist: In Amerika gibt es das ADA (Antidiskriminierungsgesetz) und im Alltag leben Sie mit Menschen zusammen und Sie erleben, dass alles dort normal läuft, wobei es kaum Hindernisse zu spüren, zu sehen gibt. Das führt sicher zu dem Gefühl, dass das "Ich" selbst nicht als behindert empfunden wird.
Bei Problemen gibt es also einen Service z.B.: Dolmetschvermittlungszentrale, Videophone, etc... Also man hat dort alles, wonach es bedarf [=was man braucht] und jetzt sind Sie schon 5 Monate bei uns in Österreich. Empfinden Sie es hier so, dass Sie behindert werden?

Alex: Ja sicher!

Georg: Können Sie mir genauer erzählen, in welchen Bereichen Sie sich behindert fühlen?
Alex: Das Thema "Accessibility" (Barrierefreiheit) will ich ansprechen. Dieses bedeutet, dass man hat eine DolmetscherIn, einen Tutor, Untertiteleinblendungen, etc. für Gehörlose und Hörbeeinträchtigte hat. Ich sehe hier in Österreich keine SchriftdolmetscherInnen, Telefonvermittlungszentrale, kaum Untertitlungsangebote. Da war ich entsetzt und ganz weg.
In Amerkia haben sie alles, was jeder Bedürftige benötigt und man selbst fühlt sich dann auch nicht behindert. Da fühle ich mich gleichgestellt. Aber hier sehe und erfahre ich viel fehlende Gleichstellung. Da sie nicht so viel Angebot wie ich in Amerika haben und man fühlt sich dann hier beeinträchtigt. Der Zugang zu Kommunikation ist richtiggehend behindert.

Georg: Hat Sie das sehr bedrückt und dachten Sie, dass Sie lieber zurück nach Amerika wollen?
Alex: Jein (Ja und Nein)!

Georg: Hier fühlen Sie sich eben doch behindert?
Alex: Jein, ich fühle mich entsprechend der Gesellschaft. Wenn sie sich nicht als Behinderte fühlen, dann bin ich es auch nicht. Aber hier ist es umgekehrt und ich bin behindert wie die anderen.

Georg: Jetzt gibt es bei uns in Österreich diverse Gehörlosen-Vereine bzw. Clubs für Jugendliche, ältere Menschen oder der sportlichen Betätigung. Gibt es so etwas in den USA auch? Oder ist es doch anders, zum Beispiel ein privater Gruppentreff?
Alex: Ja in Amerika gibt es so etwas schon, aber anders. Hier (in Österreich) ist es im Vergleich viel besser. Da ich gesehen habe, dass hier die Gruppen untereinander öfters zusammenkommen. Öfters komme ich zum WITAF und sehe, dass dort permanent immer viele da sind, also eine gute Organisation vorherrscht. Es gibt dort eine Jugendkommission und sie organisieren ständig etwas. Diese Art sieht in Amerika nicht gut aus, auch die Gruppen dort werden kleiner und vernachlässigter (kaum Führungspersonal).

Georg: Vernachlässigt wird es also; Gibt es dort eventuell einen Pub-Treffpunkt?
Alex: Nein eigentlich nicht!

Georg: Wie können Sie damit leben, nirgendwo Ihre Freunde treffen zu können?
Alex: Vor 20 - 25 Jahren hat es regelmäßige Treffen der Gehörlosen gegeben, wobei sie mit der "Accessibility" (Barrierefreiheit) Probleme gehabt haben. Dadurch gab es eine enge Zusammenarbeit mit den Gruppen im Bereich Politik, Sport, etc. Heute ist es umgekehrt, denn es gibt mediale Technologien wie das Internet oder das Handy (Blackberry), sowie Dolmetscheinsätze und vieles mehr. Alles ist für sie da und das brachte ihnen Sonnenschein, aber die Zusammenkünfte (=Treffen) sind halt dadurch vernachlässigt worden.

Georg: Das vermissen Sie, während Sie sich hier in der Gesellschaft wohl gefühlt haben, stimmt´s?
Alex: Ja schon!

Georg: Haben Sie schon daran gedacht, nach Ihrer Rückkehr in die USA die Ärmel hoch zu krempeln und irgendetwas aufzubauen?
Alex: Das habe ich schon ein Mal gemacht, denn ich bin auf meiner Universität der Präsident des gehörlosen Studentenclub.

Georg: Das ist gut.
Alex: Da habe ich bereits die Ärmel hochgekrempelt und das Schwierigste ist, dass die Studenten fehlende Motivation in dieser Sache haben. Mit ein paar von meinen Leuten organisieren wir etwas Bestimmtes und schon sind viele der Aufgaben vernachlässigt; sie nehmen das nicht ernst.
In Wien, Österreich, sehe ich das Gegenteil im Engagement und ist Antrieb für mich, sodass die Organisation auch vollbracht wird.
So etwas beneide ich schon und will diese Leute zu uns ziehen lassen.

Georg: Ok, jetzt kommen wir zu dem Thema "Situation in Amerika": Wie schaut die Situation der gehörlosen Studenten aus, die die Universität gerade besuchen? Wie viele sind es und ich meine nicht nur die USA, sondern ganz Amerika?
Alex: Auf meiner Universität in Arizona sind insgesamt 15 Studenten untergebracht. Bei anderen Universitäten halten sich zwischen 2 und 5 Studenten auf. Aber auf meinem Kontinent in Amerika kann ich nicht leicht abschätzen, wie viele es sind. Es sind ungefähr mindestens 10.000 Studenten. Gemeint habe ich diverse Bildungsprogramme in Bezug auf die Universitäten und auch das 2-jährige Bildungsprogramm der UNI.

Georg: Wo halten sich die meisten Studenten aller Universitäten auf?
Alex: Das ist in Gallaudet (Washington).

Georg: Wo herrscht der zweitgrößte Andrang?
Alex: Das zweitgrößte Institut ist das RIT (Rochester Institute of Technology)
und das Dritte ist das CSUN in Kalifornien (California State University, Northridge) bei Los Angeles.

Georg: Die Gallaudet-Uni ist uns bekannt, aber wie schaut es mit den anderen beiden Universitäten aus? Wird man dort auch von gehörlosen Lehrern bzw. Professoren unterrichtet?

Alex: Ja bei CSUN gibt es in drei bis vier Klassen Gehörlosenprofessoren, ansonsten wird der gesamte Unterricht in Gebärdensprache von DolmetscherInnen übersetzt. Genauso ist es bei dem RIT.
Nur in Gallaudet wird alles voll und ganz in Gebärdensprache verwendet.

Georg: Ok, ich verstehe und wie hoch ist die Zahl der Gehörlosen, von der Geburt an bis hin zum hohen Alter in ganz Amerika?

Alex: Die Schätzung ist nicht leicht zusammen zu bekommen. Da gibt es nämlich Gruppenkategorien wie: "Gehörlose; Taube; Schwerhörige; CI-Träger, die Sprechen oder Stumm sind und ältere Menschen mit Hörverluste".

Georg: Also wie viele gibt es insgesamt ohne den älteren Menschen?
Alex: Vielleicht habe ich die Zahlen verschätzt aber ich rechne mit ca. 1,5 Millionen Betroffenen.

Georg: 1,5 Millionen Betroffene...
Alex: Da bin ich mir mit den Zahlen nicht sicher..

Georg: Ok, das ist also Ihre Schätzung und mit neuen Erdbürgern, die gehörlos oder schwerhörig sind, wird mit Doktoren nach Entdeckung des Sinnesverlustes diverse Informationen über Gebärdensprache sowie ein mögliches CI in Zukunft beraten. Empfinden Sie diese Beratungen in ganz Amerika gut? Gibt es irgendwelche Fachleute, die der Familie andere Wege empfehlen, sie manipulieren, sich einer CI-Operation zu unterziehen oder intensive Logopädiebesuche zu absolvieren oder Gebärdensprache zu lernen? Oder werden seriöse Informationen über alle möglichen Aspekten gegeben?
Alex: Zur jetzigen Zeit ist es problematischer geworden aber auch interessant. Wie Sie bereits wissen, werden die Gesetze in den Staaten teils unterschiedlich ausgelegt. Bei einigen Staaten muss nach der Geburt sofort ein Hörtest absolviert werden. Im Falle einer Entdeckung holt der Doktor dann einen bestimmten Experten, eine neutrale gehörlose Person und zuständige für den Gehörlosenbund sowie eine GebärdensprachdolmetscherIn dazu.
Sie informieren die Eltern über diverse Möglichkeiten von "CI, Gebärdensprache, Bilingual,..."

Georg: Das ist aber sehr gut!
Alex: Es findet nicht überall statt, nur ein Teil davon aber das ist wirklich gut!

Georg: Was ist, wenn ein Staat diese Vorgabe nicht macht?
Alex: Wenn dieser so etwas nicht macht, dann rechne ich höchstens mit einer CI-Operation. Das ist nur ein möglicher Gedanke.

Georg: Ok, es ist ein möglicher Gedanke, dass die meisten dann eine CI-Operation anwenden werden und wie schaut die jetzige Situation bei Kleinkindern als CI-Träger aus? Gibt es nun mehr CI-Träger als in den letzten Jahren?
Alex: Es werden immer mehr und mehr.

Georg: Ist es Ihrer Ansicht nach in Ordnung, dass die CI-Träger mit Gebärdensprache gefördert werden? Oder wird die Förderung mehr in Richtungen artikulative Förderung gebracht?
Alex: Ich sehe den Trend eher in Richtung bilingual und auch, dass immer mehr kleine CI-Träger die Gebärdensprache verwenden. Für mich also positiv!

Georg: Betrachten Sie es als Gehörloser als ein Problem, dass es zur Zeit vermehrt CI-Träger gibt?
Alex: Nein, überhaupt nicht. Nur in einem Fall schon, wenn ein Kind von der Vormundschaft ihrer Eltern ein CI bekommt und sie selbst keine Ahnung von Gebärdensprache haben.

Georg: Aber Sie haben mir am Anfang erzählt, dass Sie als kleiner gehörloser Junge zur Welt gekommen sind und den Eltern war bewusst, handeln zu müssen und wurden anschließend von Fachleuten über allgemeine Informationen, sowie bei einem gratis Gebärdensprachkurs begleitet. Was ist mit dieser Familie?
Alex: Zum Glück ist uns so etwas geschehen, wobei wir gemeinsam nach Gallaudet gekommen sind.

Georg: Ist es heute noch gleich geblieben, dass die Eltern von kleinen CI-Trägern zum Gebärdensprachkurs beraten oder geschickt werden?
Alex: Bei einem Teil wird es und bei einem anderen Teil wird es nicht gemacht!

Georg: Nun komme ich zur letzten Frage. Heute habe ich im Internet gelesen, dass es das ADA nun schon seit 20 Jahren gibt. Dabei haben Sie es von Geburt bis jetzt miterlebt und was haben Sie gesehen, das von dem Gesetze verändert wurde? Kann man das beurteilen, dass die jetzige Situation mit dem ADA besser ist oder ist es in früheren Jahren doch besser gewesen?
Alex (überlegt): Die Gesetze sind seit 20 Jahren gleich geblieben und heute weiß fast das gesamte Volk, was ADA bedeutet und das es beachtet werden muss. Früher war es nicht so und viele haben die Gesetze nicht gekannt.

Georg: Gut, ist derzeit kein neues Problem in Bezug auf das ADA zu sehen?
Alex: Ein Problem gibt es beim ADA doch, da DolmetscherInnen keine Lizenz, sowie keinen Ausweis für ihre Auftragsarbeit haben müssen.
Kein gutes Zeichen und ein Beispiel füge ich hinzu: Die Kleinkinder besuchen ihre Schule und die DolmetscherInnen übersetzen zumeist alles ins Fingeralphabet und wenig ASL. So müssen die Kinder die ganze Zeit auf die Finger starren. Einfach unappetitlich! Das ist für mich keine GebärdensprachdolmetscherIn und das steht leider nicht im Gesetz von ADA.

Georg: Wurde dagegen bereits angekämpft, sowie sich besprochen?
Alex: Ja wir haben dies schon gemacht. Aber juristisch gesehen schätzen sie, dass diese keine solche Priorität wie die anderen Bedürfnisse hat.
Jetzt ist die Regierung mit dem Thema "Deep Horizont" mit den Öl-Problemen zu beschäftigt und alle anderen Fälle auch noch dazu.

Aber trotzdem sehe ich im Vergleich zu anderen Nationen, dass unsere Nation mit dem ADA gut steht und das ist für mich ein Glück. Ich habe Unterstützung bekommen und andere wurden hingegen nicht soviel unterstützt wie ich!

Georg: Ich danke Ihnen für das Gespräch über den Situationsvergleich mit Amerika und Österreich! Nochmals Danke!

(flo)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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